Circadia: Die Platte, die Tim Cannons Temperatur misst und per Bluetooth an sein Tablet schickt. Quelle: Grindhouse Wetware

Basteln gegen
den Tod

Tim Cannon ist ein Do-It-Yourself-Cyborg. Er hackt seinen Körper und baut ihn aus. Mit seiner Tüftlergruppe Grindhouse Wetware entwickelt er Geräte für den Maschinenmenschen von heute. Dabei loten sie die Möglichkeiten des derzeit Machbaren aus.

Text: Florian Falzeder

Auf seinem Weg zur Unsterblichkeit hat Tim Cannon die dritte Ausbaustufe erreicht. In seinem linken Unterarm steckt ein Fieberthermometer, ein Gerät namens Circadia – eine Platte, so groß wie ein kleines Smartphone. Darüber spannt sich Cannons tätowierte Haut. Auch einen Monat, nachdem sich der Amerikaner das Teil bei einer Messe für Body Modification in Deutschland hat einsetzen lassen, zeichnet sich noch eine dicke Narbe ab. Der Magnet und der Chip, die er schon länger unter der Haut trägt, haben dagegen kaum sichtbare Spuren hinterlassen.

Circadia kann nicht viel, noch nicht. Denn das Teil in Cannons Arm ist erst der Prototyp. Regelmäßig misst es die Körpertemperatur seines Trägers und schickt die Daten per Bluetooth an andere Geräte, wie zum Beispiel an Cannons Android-Tablet-Computer. Der Amerikaner aus Pittsburgh will das Gerät eine Weile lang testen, bevor es an die nächste Ausbaustufe geht.

Der Do-It-Yourself-Cyborg kurz vor seiner dritten Ausbaustufe, im Oktober 2013 in Berlin. Quelle: Florian Falzeder

„Die nächsten Modelle können auch die Herzfrequenz messen und das Blut analysieren“, erklärt der Mittdreißiger, während er abwechselnd Elektro- und Filterzigaretten – mal mit, mal ohne Menthol – raucht. „Glukose, Insulin, Schadstoffe...“ Welche Chemikalien im Blut seien, sage sehr viel aus, sagt er.

Die Grinder

Aber auch bei einem solchen eingebauten Analyse-Labor will Cannon nicht haltmachen. Circadia ist eigentlich nur ein Zwischenprodukt, entstanden auf dem Weg zu einem anderen Gerät. Southpaw nennt Cannon das Gerät, das Circadia irgendwann werden soll. Es soll einen eingebauten Kompass haben, daher hat es seinen Namen. Und Southpaw soll direkt am Internet hängen. „Es kann über das Internet auf dich zugreifen, mit anderen Implantaten sprechen und Daten auf einem inneren Web-Server speichern“, schwärmt Cannon.

Circadia unimplantiert. Dank der Spule kann das Gerät durch Induktion geladen werden. Ein Stromkabel braucht's nicht. Quelle: Grindhouse Wetware

Davon ist Cannon noch weit entfernt. Aber er arbeitet dran. Er ist ein begeisterter Bastler und seinen Trieb lebt er nicht nur an Computern und Technik, sondern auch am eigenen Körper aus. Leute wie er nennen sich Bio- oder Body-Hacker, oder Grinder. Schritt für Schritt will der Amerikaner immer mehr zur Maschine werden. Er ist ein Cyborg in der Beta-Version.

Für den nächsten Patch, das nächste Update, kann er seine praktischen Erfahrungen nutzen. Das Gerät sei zu groß, erklärt er, als Circadia bereits seit ein paar Tagen in seinem Unterarm steckt. Er habe das jetzt erst bemerkt.

Cannon nennt das, was er tut, „praktischen Transhumanismus“.

Aber den geringen Tragekomfort und auch den extrem schmerzhaften Eingriff nimmt er in Kauf, denn für Tim Cannon geht es um eine Idee. Er will den Menschen überwinden. Genauer gesagt den Körper. „Es gibt keinen Grund, das Fleisch nicht hinter uns zu lassen“, sagt er. Das Fleisch sei fehlerhaft. Es lebe nur um die hundert Jahre lang, sei Krankheit und Hunger ausgesetzt, und über die Maßen ineffektiv: „Ich brauche 2000 Kalorien, nur um dazusitzen und fernzusehen.“

„Wenn du mehr als fünf Sinne hast, und das durch Technologie, dann bist du ein Cyborg“, sagt Tim Cannon. Mit einer Platte im Unterarm kann er seine Körpertemperatur bestimmen. Mit einem Magneten in der Fingerspitze spürt er elektromagnetische Felder. Und mit einer Mütze mit Elektroden auf dem Kopf stimuliert er seine Denkleistung. Der Bio-Hacker bastelt mit Gleichgesinnten an Technik, die Schritt für Schritt mit seinem Körper verschmelzen soll. Der Geist, neuronal befeuert auf Höchstleistung getrimmt, soll als reine Software in Hardware leben; die Wetware, das eigene „Fleisch“, will Cannon hinter sich lassen.

Seine Daten würde auch niemand auf einem Steak speichern, sagt der Mann, der auch in seinem Brotberuf mit Computern und Technik arbeitet. Der Körper ist für Cannon ein Auslaufmodell. „Also gehen wir doch zu einer Plattform über, die nicht verrottet“, schlägt er vor. Er will unsterblich werden.

Cannon nennt das, was er tut, „praktischen Transhumanismus“. Die Theorie dahinter: Der Mensch soll durch technischen Fortschritt verbessert werden. Neben allerlei technischen Implantaten spielt auch die Eugenik eine wichtige Rolle in den Gedanken vieler Vertreter des Transhumanismus. Manch einem schaudert bei dem Gedanken. Tim Cannon nicht.

Der Mitbegründer von Grindhouse Wetware, Shawn Sarver, präsentiert sein neuestes Device, Circadia. Quelle: Grindhouse Wetware

Er will sich besser machen. Nach einigen Treffen und Gesprächen mit Transhumanisten zog er sich aber wieder zurück, „weil diese Leute nur darüber sprechen.“ Er aber wollte mit der Technologie spielen.

Also fing er an, mit seinem Freund Shawn Sarver im Keller zu basteln. Ein paar weitere Body-Hacker von Biohack.me, dem bekanntesten Forum der Szene, schlossen sich an. Im Januar 2012 gründeten sie Grindhouse Wetware.

Die Hacker-Gruppe in Pittsburgh baut Technik für den Cyborg von heute. Sensoren, die mit einem eingesetzten Magneten in der Fingerspitze kommunizieren, eine Elektroden-Mütze, die die Denkleistung anregt, oder eben Circadia.

Projekt für Projekt loten die Body-Hacker mit dem Hang für Splatter-Ästhetik den Rahmen des Machbaren aus. Schritt für Schritt vermessen sie den Körper und spicken ihn mit Geräten. So lange, bis es irgendwann heißt: nächster Halt, Unsterblichkeit.

Tim Cannon zeigt, wie er sein frisch implantiertes Circadia auflädt. Quelle: Tim Cannon