Mit der Kraft der Gedanken: In Experimenten können Testpersonen so schon einen Cursor auf dem PC-Bildschirm steuern. Quelle: Stefan Greiner

„Dafür braucht es keinen Chip“

Unser Gehirn kann Dinge, die eine Maschine nie lernen wird, sagt Technikphilosoph Bernhard Irrgang. Er warnt im Interview davor, dem Denken mittels Chiptechnologie auf die Sprünge helfen zu wollen.

Interview: Tatjana Kerschbaumer

Was halten Sie von Chip-Implantaten, die das Gehirn optimieren?

Irrgang: Schwere Krankheiten mit Chips zu behandeln, ist ethisch gerade noch in Ordnung. Aber gesunde Menschen mittels Chip zu optimieren – oder zu beeinflussen? Das ist nach derzeitigem Wissensstand völlig inakzeptabel. Denn die Praxis der Tiefenhirnstimulationen offenbart unser fast vollständiges Unwissen mit der Chiptechnik zur Verbesserung psychischer oder geistiger Leistungen. Bei Prothesen ist dies anders (Bereich der Sensomotorik). Natürlich werden sich trotzdem ein paar Freaks für Tests zur Verfügung stellen. Aber das ist Science-Fiction ohne Science.

Angeblich ist das menschliche Gehirn jedem Computer um das Hunderttausendfache überlegen. Ist es überhaupt nennenswert verbesserbar?

Irrgang: Das Gehirn hat sich im Laufe der Evolution fast perfekt auf seine Umwelt eingestellt – sei es sozial oder kulturell. Die Leistungsfähigkeit des Denkens hat sich in den letzten 2,5 Millionen Jahren der Evolution stark verbessert und wird durch die Interaktion von Mensch und Maschine noch besser werden. Dafür braucht es keinen Chip. Das Gehirn, oder zumindest Teile davon, müsste sich an einen Chip außerdem erst gewöhnen, ähnlich, wie Kinder das Gehen lernen müssen. Ein Chip könnte in Zukunft zwar die Gedächtnisleistung steigern. Das Langzeitgedächtnis bleibt aber abhängig von Veränderungen der Struktur menschlicher Gehirne bis in ihre genetischen Grundlagen durch mehrfache Wiederholung.

Sollten Chip-Implantate doch gängig werden: Sehen Sie die Gefahr einer digitalen Zwei-Klassen-Gesellschaft – von Menschen, die sich die Technik leisten können und armen Menschen, die dumm bleiben?

Irrgang: Wer an den Chip und seine Realisierung im menschlichen Gehirn glaubt, muss eine digitale Spaltung befürchten, ja. Das hängt aber konkret von der Chiptechnik und ihren Steuerungsmöglichkeiten ab. Grundsätzlich ergeben sich dieselben ethische Probleme wie bei „Designer Babys“, die mittels Gentherapie optimiert werden. Seriöse Prognosen sind aber noch nicht möglich, weil wir die künftig nutzbaren Technologien heute noch nicht genau kennen. Für mich heißt der einzige logische Ausweg: skeptische Urteilsenthaltung.

Angenommen, Gehirne würden untereinander vernetzt: Welche Probleme könnte das mit sich bringen?

Irrgang: Ich kenne keine Technik (und keinen Prozess in der Natur oder Kultur), die den direkten Austausch von Gedanken zwischen Mensch und Maschine – oder Mensch und Mensch – ermöglicht. Dazu bräuchte es konkretes Wissen über die Umsetzung von Gehirnaktivitäten. Es müsste also bekannt sein, wie Gefühle und Gedanken entstehen und wie man darauf einwirken kann. Aber darüber wissen wir nichts. Selbst wenn wir unterstellen, dass wir von außen die Bildung von Wünschen, Bildern und Gestalten anregen und in Szene setzen könnten: Wir kennen die zu Grunde liegenden Mechanismen nicht. Deshalb könnten wir nicht beurteilen, ob wir die Gedanken anderer tatsächlich verstanden hätten oder nicht. Wir können geistige Prozesse jedweder Art nur leiblich vermittelt kommunizieren. Leibliche Einbettung ist in Maschinen nicht zu simulieren. Diese geistigen Prozesse in leiblicher Einbettung zu erkennen. So etwas ist meiner Meinung nach immer mit Unsicherheitsfaktoren verbunden. Das Gehirn kann damit hervorragend umgehen, weil es die Evolution darauf trainiert hat. Maschinen, die alle auf dem Prinzip der digitalen Eindeutigkeit beruhen, können das nicht.

Bernhard Irrgang
Bernhard Irrgang, geboren 1953, ist seit 1993 Professor für Technikphilosophie an der TU Dresden. Er beschäftigt sich mit philosophischen Fragen rund um Technik und Technologie und setzt sich mit dem Grenzbereich von Biologie und Philosophie auseinander. Seine Habilitation behandelt forschungsethische Fragen zu Gentechnik und neuer Biotechnologie. Der Technikphilosoph ist Doktor der Philosophie und der Theologie und hat zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze und Bücher veröffentlicht oder herausgegeben, darunter die Buchreihe „Technikhermeneutik“.