Sichtbar sind nur die äußeren Teile von Enno Parks Cochleaimplantat. Quelle: Martin Moser

Call for Cyborgs

Enno Park trägt Medizintechnik im Schädel. Implantate haben ihm sein Gehör wiedergegeben. Park begreift sich deshalb als Cyborg. Mit seinem Verein Cyborgs e.V. will er ein Sprachrohr für Menschen schaffen, die über Mensch, Maschine und deren Verschmelzung nachdenken.

Text: Florian Falzeder

2011 wurde Enno Park schlagartig bewusst: „Upps, ich bin ja jetzt ein Cyborg!“ 2011 war das Jahr, in dem er, der fast vollständig taub war, wieder hören konnte. Mit elektronischen Ohren. Sie nennen sich Cochleaimplantate. Hinter seinen Ohren sitzen, aus schwarzem Plastik und auf dem rasierten Kopf gut sichtbar, die äußeren Komponenten der medizintechnischen Geräte.

Der Rest ist im Schädel verborgen. Das Implantat geht durch den Knochen und speist ein Signal in den Nerv und damit direkt ins Gehirn ein. Ohr und Hörschnecke werden umgangen. „Dadurch bin ich eine Verbindung aus biologischem Wesen Mensch und Technologie“, sagt der 40-Jährige. Allein in Deutschland tragen etwa 30.000 Menschen ein Cochleaimplantat, wie Park erklärt. Die wenigsten von ihnen würden sich als Cyborg bezeichnen. Für Park aber greift der Begriff. Schließlich sind er und ein Teil Technologie eins geworden.

Enno Park erklärt im Keller der c-base, was ihn zum Cyborg macht. Video: Angela Gruber, Florian Falzeder

Erst musste sich Park an diese neue Art des Hörens gewöhnen. Mittlerweile kommt er ganz gut damit zurecht. Er kann die Geräte sogar steuern – das Gehör fokussieren oder die Lautstärke verändern. „Ich kann sogar mein Gehör ausmachen, das kannst du nicht“, sagt er. Dadurch verschlafe er zwar sehr leicht, doch es sei sehr angenehm. Park schätzt die Vorteile der Technologie.

Aber er hätte gerne mehr: „Ich würde es total gerne manipulieren, um Ultraschall zu hören.“ Park würde gerne Fledermäuse hören. Für ihn ist das keine bloße Spielerei. Wenn er die Geräte schon in seinem Körper hat, würde er auch gerne ihre Möglichkeiten ausreizen. „Aber es geht nicht, weil die Technologie hochkomplex und weitgehend unter Verschluss ist“, sagt er. Das sieht er nicht ein. Er will basteln dürfen.

Seit 2011 trägt Enno Park seine beiden Cochleaimplantate und kann mit ihnen wieder hören. Quelle: Martin Moser

Bereits vor der Implantation im Jahr 2011 begann Park, über Cyborgs nachzudenken, und über die enge Verbindung von Mensch und Technologie. Und, wie er sagt, über gesellschaftliche und ethische Probleme, die aus ihr folgen. Diese Fragen würden zwar behandelt, aber nicht in Deutschland. „Also habe ich einen Call for Cyborgs gestartet“, sagt er.

Das war zu Weihnachten 2012, als er ein bisschen Zeit und Muße hatte. Schritt für Schritt fand sich eine Szene zusammen und ein Jahr darauf gründete sich ein Verein mit dem Namen Cyborgs e.V. Er soll einmal das Sprachrohr einer wachsenden Cyborg-Community werden, hofft Park.

Cyborg – ein dehnbarer Begriff

Doch bis es soweit ist, mussten sich die Cyborgs erst einmal darauf einigen, was überhaupt ein Cyborg ist. Der Begriff ist weit gefasst. Er kommt ursprünglich aus den 1960er Jahren und steht für „kybernetischer Organismus“. Damals wollten Wissenschaftler den Menschen mit Technologie so ummodellieren, dass er im Weltall überleben kann.

Die enge Verbindung von Mensch und Technologie macht für Enno Park einen Cyborg aus. Dabei muss nicht einmal am Körper gebastelt werden. Es reicht schon aus, mit Hilfe von Technologie die Fähigkeiten und Sinne zu erweitern. Mit einem Smartphone zum Beispiel kann man mit Menschen in der Ferne kommunizieren oder mit einer App die Umlaufbahnen von Satelliten am Himmel beobachten. Manche User verschmelzen schon jetzt mit ihrem Handy, geben es nicht mehr aus der Hand. Ob die Technologie als Datenbrille wie Google Glass am Körper getragen wird oder sogar implantiert sein könnte, ist nur eine Draufgabe. Die Technik rückt schon jetzt immer näher an den Körper. Das wirft politische, ethische und auch ganz alltägliche Fragen auf. Deswegen will Enno Park schon jetzt über die Technologie von morgen diskutieren und hat den Cyborgs e.V. ins Leben gerufen.

Die Science-Fiction-Literatur griff die Idee ebenso auf wie die feministische Theorie. In Star Trek trägt Geordi La Forge ein Gerät, mit dem der Blinde wieder sehen kann. Der Terminator und RoboCop sind Hollywood-Klassiker, die verschiedene Konzepte von Mensch-Maschinen-Verschmelzung erzählen. Und die feministische Theoretikerin Donna Haraway sieht im Cyborgismus sogar eine Möglichkeit, die Geschlechtergrenzen zu überwinden und so die patriarchalen Machtverhältnisse zu durchkreuzen.

Die Realität bleibt hinter diesen Vorstellungen zurück. Für viele ist ein Magnet in der Fingerkuppe oder RFID-Chip unter der Haut derzeit das höchste der Gefühle. Und manche in der Berliner Runde begreifen sich, obwohl sie einen Magneten im Finger haben, dennoch nicht als Cyborg.

Rin Räuber hat zwar ein Stück Metall im Finger, ist streng genommen aber gar kein Cyborg. Video: Angela Gruber, Florian Falzeder

Die Berliner Runde, das sind ein paar Dutzend Menschen, die sich regelmäßig in der c-base treffen, einem Hacker-Space direkt an der Spree, nahe der Jannowitzbrücke. Genauer gesagt finden die Treffen in den Schleusen der c-base statt. Denn die Menschen, die hinter der c-base stecken, behaupten von ihren Räumen, dass sie zu einer Raumstation aus der Zukunft gehören. Durch einen Zeitreiseunfall soll die Station vor viereinhalb Milliarden Jahren auf der Erde bruchgelandet sein.

Nun rematerialisiert sich das riesige Ding, Stück für Stück, erklärt thosh aus der c-base-Community, wo alle Menschen ihre Namen klein schreiben. Er führt durch die futuristischen, mit Metall und allerlei selbstgebastelter Elektronik verkleideten Räume. In den 1960er Jahren etwa sei die Antenne der Raumstation wieder aufgetaucht, und zwar auf dem Alexanderplatz in Berlin. Dass es sich dabei um den Fernsehturm handle, sei eigentlich nur eine Cover-Story gewesen.

Inzwischen ist der gebürtige Ostfriese zu einer Art Cyborg-Sprecher in Deutschland mutiert. Quelle: Martin Moser

Dort auch die Cyborg-Treffen zu machen, sei naheliegend, sagt Enno Park. Das Cyborg-Thema bewegt sich irgendwo zwischen Bastler- und Hacker-Geist, gedachter wie gelebter Science-Fiction und klinischer Medizintechnik. Realität sind Implantate und Prothesen, die ein Manko ausgleichen oder den jeweiligen Menschen verschönern sollen. Darüber hinaus am eigenen Körper zu basteln, gilt dagegen als ethisch eher fragwürdig.

Brustimplantat vs. Fingermagnet

Ein Ohrring oder Brustimplantate würden als völlig normal angesehen, ein kleiner Magnet in der Fingerkuppe aber schief angeschaut – so argumentieren viele aus der Berliner Cyborg-Runde, wenn es um die gesellschaftliche Akzeptanz von Implantaten geht. Dieses Bild wollen Park und die anderen verändern. Und sie wollen der Science-Fiction über Cyborgs, dem Terminator als willenlose Kampfmaschine, eine andere Geschichte entgegensetzen; eine Geschichte über Cyborgs mit menschlichem Antlitz.

Denn, darüber sind sich alle in der Cyborg-Runde einig, die Technologie wird kommen. Wenn sie nicht schon längst da ist. Smartphones wachsen immer näher an den Körper. Datenbrillen wie Google Glass sind schon längst in der Testphase. Und in der Medizintechnik macht die Menschheit – Park ist mit seinen Cochleaimplantaten ein gutes Beispiel – riesige Fortschritte. All diese Facetten begrüßen die Männer und Frauen aus dem Berliner Cyborg-Verein.

Enno Park will mit dem Cyborgs e.V. ein Sprachrohr für die junge Szene schaffen. Video: Angela Gruber, Florian Falzeder

In wachsender Runde wollen die Berliner Cyborgs einerseits mit der Technologie von heute basteln und experimentieren. Andererseits diskutieren sie über postfeministische Theorien rund um Donna Haraway und die gesellschaftliche Relevanz einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Irgendwo dazwischen vermischen sich ein gewisser Hang zu Science-Fiction und wilden Zukunftsfantasien und das Gefühl, Vorreiter von etwas zu sein, das die gar nicht allzu ferne Zukunft prägen wird.