Implantiert und zugenäht: Stefan Greiner präsentiert seinen Ringfinger kurz nach dem Eingriff. Quelle: Miren Oller

Neuer Sinn dank Magnet

Wenn Rin Räuber einen Supermarkt verlässt, schlägt ihr Ringfinger aus. Ein Magnet in der Fingerkuppe reagiert auf Diebstahlsicherungen. Um eine unsichtbare Welt wahrnehmen zu können, unterzog sie sich eine Mini-OP – für viele Cyborgs der erste Schritt zur Bewusstseinserweiterung.

Text: Florian Falzeder

Die Einstiegsdroge ist halb so groß wie ein Reiskorn: ein Mini-Magnet, mit Silikon ummantelt. Mit einem Skalpell wird die Fingerkuppe aufgeschnitten, dann eine kleine Hautfalte geformt. Darin verschwindet das kleine Körnchen, bevor die Wunde wieder zugenäht wird. Und drin ist das Implantat, das für viele Body-Hacker das erste ist.

Mit dem Implantat tut sich ihnen eine neue, unsichtbare Welt auf. „Ich kann das elektromagnetische Spektrum spüren“, sagt Tim Cannon, ein amerikanischer Body-Hacker aus Pittsburgh, der seinen Magneten im linken Ringfinger trägt. Das kann sich ganz unterschiedlich anfühlen, je nachdem, wo Cannon seinen Finger hinhält. „Ein elektrisches Feld oszilliert“, sagt er: Dann vibriere oder brumme es im Finger. Bei einem magnetischen Feld kitzle es eher. „Wenn sich aber etwas ruckartig bewegt, wie der Arm einer Festplatte, habe ich eher ein Zisch-Gefühl im Finger“, sagt Cannon und schleudert seine Arme von sich.

Den stärksten Ausschlag, den Rin Räuber bislang gespürt hat, war bei den Diebstahlschutz-Sensoren, die am Ausgang vieler Geschäfte stehen. „Das ist eine lustige Empfindung“, sagt die Programmiererin aus Berlin, die ihr Implantat im rechten Ringfinger trägt: „Keiner sonst spürt das und weiß, warum ich auf einmal 'Huch!' sage.“

Außerdem könne sie mit ihrem Magneten kleine Gegenstände hochheben, erklärt die 29-Jährige, während ein kleiner, magnetischer Knopfkopfhörer an ihrem Finger klebt. Mit einem Fingerschnippen fällt er auf den Küchentisch der WG von Stefan Greiner, in der Blücherstraße in Berlin.

Greiner, ebenfalls 29 Jahre alt, gehört wie Räuber zur Berliner Cyborg-Szene. Seit Sommer 2013 treffen sie sich regelmäßig und diskutieren über die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Greiner forscht an der TU Berlin dazu, wie man Gehirn und Technik miteinander verbinden kann.

Seit Mitte November 2013 trägt auch er einen Magneten im Finger. Er will damit nicht nur spüren, wo sich elektromagnetisch etwas tut. Er will mit dem Implantat auch sein Handy steuern. Magnetsensoren, wie sie eine Kompass-App nutzt, können auch das kleine Körnchen in der Fingerspitze erkennen. Dadurch lässt sich das Gerät mit Gesten steuern. Einen ersten Algorithmus haben Greiner und seine Kollegen bereits geschrieben. Jetzt fehlen nur noch Apps, die das auch nutzen.

Stefan Greiner erklärt, wie er mit seinem Magnetimplantat sein Smartphone steuern will. Video: Martin Moser, Florian Falzede

Für Stefan Greiner, Rin Räuber und Tim Cannon ist nichts dabei, ihre Wahrnehmung mit einem Stück Metall zu erweitern. Dass sie dafür nicht mehr in die Röhre zur Kernspintomographie dürfen, nehmen sie in Kauf. Der Reiz, ein Gespür für eine unsichtbare Welt zu haben, überwiegt. Und dann ist da noch der generelle Ansporn, sich durch Technik auszubauen.

Mit Freunden hat Tim Cannon eine Body-Hacker-Gruppe in den USA aufgebaut. Sie nennen sich Grindhouse Wetware und ihr erstes Projekt war, mit dem Fingermagneten zu sprechen. Bottlenose haben sie das Ding genannt, das wie ein Handschuh aussieht. Daran lassen sich verschiedene Sensoren befestigen. Die können zum Beispiel ultraviolettes Licht einfangen und in ein elektromagnetisches Feld umwandeln. Der Magnet reagiert. Der Implantatträger spürt die Sonne oder ein Schwarzlicht in der Disco kribbeln.

Der Magnet ist längst nicht Cannons einziges Implantat geblieben. Er trägt noch einen Chip unter der Haut und seit neuestem auch eine Platte im Arm, die seine Temperatur misst. Auch Rin Räuber will nicht haltmachen beim einfachen Fingermagneten. Als nächstes plant sie, sich einen sogenannten RFID-Chip einsetzen zu lassen. Damit ließe sich zum Beispiel ihr Handy oder ein Türschloss entsperren.

Was auch nicht so weit weg sei, sagt Räuber, seien LED-Lampen, die unter der Haut leuchten. Darauf sei sie schon sehr gespannt, aber ansonsten lasse sie die Entwicklungen auf sich zukommen. Und dann schaue sie, was machbar sei. Und wer weiß: „Irgendwann könnte es cool werden, künstliche Gliedmaßen zu haben“, sagt sie: „Aber da lehne ich mich noch nicht so weit aus dem Fenster.“