Exoskelette sollen Soldaten flexibler machen. Die Träume von Verantwortlichen im US-Militär gehen soweit, dass mit technischer Hilfe bald keine Soldaten mehr im Einsatz sterben. Quelle: Lockheed Martin Corporation. Copyright 2013

Der Iron Man der US-Armee

Das amerikanische Militär arbeitet an einem Roboteranzug, der seine Krieger schneller und belastbarer machen soll. Er ist Schutz und Waffe zugleich. Soldaten könnten mit ihm zu Kampfmaschinen mit übermenschlichen Kräften werden.

Text: Victoria Reith

Er war am ganzen Leibe von Erz und deswegen unverwundbar, nur an einem Knöchel hatte er eine Sehne aus Fleisch und eine Ader, in der Blut floss. So beschreibt die griechische Mythologie den Riesen Talos, den Zeus Europa geschenkt hatte, um die Insel Kreta zu bewachen. Dreimal täglich drehte Talos seine Runde.

Talos, der furchteinflößende Riese aus Erz, feiert in diesem Jahr seine Rückkehr in den Sprachgebrauch, zumindest in den USA. Das US-Militär arbeitet an einem Kampfanzug mit dem gleichen Namen. TALOS ist kurz für Tactical Assault Light Operator Suit. Trotz des Namens: Die US-Armee hält sich nicht mit der griechischen Mythologie auf. Um einen Bezug zu populärer Fiktion herzustellen, zieht sie Iron Man heran. Mit dem Hollywood-Vergleich wolle man Aufmerksamkeit, Fantasie und Aufregung in Industrie und Wissenschaft wecken, so das Kommando für Spezialoperationen der Vereinigten Staaten (SOCOM). In Iron Man kämpft sich der Held Tony Stark durch Afghanistan. Ein Szenario, das dem US-Militär nur allzu bekannt ist. Logisch, dass man in der Armee davon träumt, Soldaten mit einem High-Tech-Anzug à la Stark auszustatten, um sie in Gefahrensituationen zu beschützen. Im Werbevideo zeigen die Amerikaner, dass TALOS aus Soldaten nicht weniger als eine menschliche Maschine machen soll.

Erinnert ein wenig an einen Egoshooter: Was der Super-Anzug TALOS alles leisten soll, demonstriert das US-Militär. Quelle: US-Militär

Die US-Armee schafft sich ihren Helden durch Technik, die dem Soldaten nach eigenen Angaben „übermenschliche Kräfte verleiht“. Einer der Bestandteile von TALOS ist eine flüssige Rüstung, die bei Elektroschocks oder im Umfeld von Magnetfeldern fest wird. Sie wird am renommierten Massachusetts Institute of Technology erforscht. Mit Computern soll der Träger seinen Anzug steuern, an Displays den eigenen Kräfteverschleiß und Gesundheitszustand ablesen können. Das Rückgrat von TALOS ist ein Exoskelett, eine mechanische Stützstruktur für Wirbelsäule und Beine, die Antrieb beim Laufen verleiht und den Träger schwere Lasten nicht spüren lässt, weil er deren Gewicht verteilt. Exoskelette sind Roboter zum Umschnallen.

Der TALOS-Anzug besteht aus Schild, Waffe und Exoskelett. Er ist noch in der frühen Entwicklungsphase. Quelle: US-Militär

Es ist das erste Mal, dass die Regierung ein integriertes Modell selbst entwirft, Industrie und Wissenschaft werden die einzelnen Komponenten beisteuern. William H. McRaven ist SOCOM-Befehlshaber. Unter seiner Führung soll auch TALOS entstehen. Er sagt: „Ziel ist es, dass keine Soldaten mehr ihr Leben lassen, in den Kämpfen heute oder in der Zukunft.“ Doch dieser Gedanke ist noch nicht mehr als eine Utopie, genau wie TALOS selbst.

Der Entwurf von Exoskeletten hingegen läuft bereits seit einigen Jahren, führend sind wenige Firmen wie Lockheed Martin. Der Rüstungs- und Technologiekonzern entwickelte das Exoskelett HULC, das auch die Grundlage für TALOS bilden könnte. HULC ist nicht etwa breitschultrig, grün und kolossal, sondern ein schlankes Gerüst aus Titan, das aus Beinschienen und einem Rucksack besteht. Die Abkürzung steht für Human Universal Load Carrier.

Mit HULC kann ein Soldat bis zu 91 Kilogramm tragen und 16 Stundenkilometer schnell rennen. Lockheed zeigt in einem Firmenvideo, was das Exoskelett können soll. Dass HULC seine Versprechen auch einlöst, darf man vor allem nach dem Härtetest des Technik-Buchautors Daniel Wilson glauben. Ein Kollege, der HULC umgeschnallt hat, kann Wilson auf dem Rücken durch die Gegend tragen, das Gewicht wird über die Beinschienen auf den Boden abgeleitet.

Der Technikautor Daniel Wilson hat das Exoskelett HULC getestet und zeigt: Es funktioniert beunruhigend gut. Quelle: Robotbuzz.fr

HULC ist fertig entwickelt, das Exoskelett könnte also in den Einsatz. Aber Lockheed Martin gibt keine Interviews und damit auch keine Informationen heraus, ob HULC bereits in einem Krisengebiet angewendet wird, oder als Grundlage zur Erforschung integrierter Anzüge wie TALOS zurückgehalten wird.

Insgesamt ist die Bereitschaft von Wissenschaftlern und Firmen, sich zum Stand von militärischen Forschungen wie Exoskeletten zu äußern, gering. Zu groß sind die Bedenken, dass Stellungnahmen zu einzelnen Projekten aus dem Kontext gerissen und als allgemeingültig angenommen werden könnten.

Technische Innovationen könnten Soldaten schwierige Einsätze erleichtern. Doch bei all dem potentiellen Heldentum schwingt doch das Gefühl mit, dass Menschen mit technischer Hilfe zur Kampfmaschine werden –und die Armee verstärkt diesen Eindruck mit ihren Iron-Man-Analogien in Wort und Bild. Auch will die US-Armee nicht nur Soldaten mit Exoskeletten leistungsfähiger machen. Auch verletzte Soldaten könnten mit gedankengesteuerten Prothesen schnell zurück an die Front gebracht werden. Ein ethisch fragwürdiger technischer Fortschritt.

Doch häufig fällt ein ziviler Nutzen ab, wenn das Militär neue Techniken entwickelt, zum Beispiel beim Vorläufer des Internets, ARPAnet, das vom amerikanischen Militär erfunden wurde. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so weltumspannend, verhält es sich auch mit den Prothesen. Sie nützen nicht exklusiv Soldaten, die zurück in den Einsatz sollen, sondern zahlreichen Amputationspatienten. Auch Exoskelette werden inzwischen medizinisch eingesetzt, vor allem Forscher in Japan arbeiten an ihnen, um Querschnittsgelähmte wieder aufstehen und gehen zu lassen. Und in Europa wurde kürzlich Robo-Mate, ein länderübergreifendes Forschungsprojekt, initiiert, um schwere Arbeit an Industriefließbändern mit Hilfe von Exoskeletten zu erleichtern.

Die Modellanzüge sind der Iron-Man-Rüstung nachempfunden, ähneln optisch aber den Power Rangers. Quelle: US-Militär

TALOS, so das US-Militär, könnte auch Feuerwehrmännern bei der Brandbekämpfung helfen. Das wäre gewiss nur nebensächlich bei der Entwicklung des Heldenanzugs, legitimiert ihn aber aus Sicht der Entwickler zusätzlich. Bis Herbst 2014 sollen die verschiedenen Bauteile feststehen - und wer sie entwickelt. In vier bis fünf Jahren soll TALOS erstmals im Einsatz erprobt werden. Es wird viel Arbeitszeit nötig sein, damit ihm nicht das gleiche Schicksal bevorsteht wie Talos aus der griechischen Mythologie.

Der, so die Sage, wurde von Medea hypnotisiert, sank zusammen und stieß seine einzige menschliche Stelle, den Knöchel aus Fleisch, an eine spitze Felskante. Sein Blut quoll wie flüssiges Blei aus der Wunde. Er fiel mit Getöse in die Tiefe des Meeres. So wurde aus Talos das, was man im US-Militär mit aller Kraft überwinden will: ein verwundbarer Mensch.