Sie leuchten zwar, sind aber noch ziemlich analog: Modernes Sexspielzeug lässt diese Dildos ziemlich antiquiert aussehen. Quelle: CC-BY-SA/2.0 Christina Xu

Die Sex-Maschinen

Sex über Distanz oder gleich mit einer Maschine: Das Cyborgthema beflügelt die Fantasie und verwischt Geschlechtergrenzen. Wenn Technik im Schlafzimmer für den perfekten Orgasmus sorgen soll – enthemmt uns das oder entstehen neue Zwänge?

Text: Angela Gruber

Teil 1: Cyborgs als ultimative Sexpartner

„Die Maschinisierung der Sexualität ist, wie alle Formen der Post-Humanisierung, zugleich aus einem Impuls der Verbesserung und einem der Gefahrenabwehr entstanden. Man fickt mit Maschinen, weil das mehr Befriedigung verspricht, man tut es aber auch, weil Sex mit anderen Menschen zu anstrengend oder gefährlich geworden ist.“Georg Seeßlen in „Träumen Androiden von elektronischen Orgasmen?“

Sexspielzeug ist keine Erfindung der Neuzeit: Archäologen haben Fundstücke aus den unterschiedlichsten Epochen ausgegraben. Auf Trinkgefäßen aus dem antiken Griechenland fanden sie Abbildungen von Dildos, auch im alten China gab es künstliche Penisse aus Porzellan. Im späten 18. Jahrhundert tarnte das Bürgertum derlei Spielzeuge verschämt als medizinisches Hilfsmittel zur Bekämpfung von Hysterie. Der Film „In guten Händen“, englischer Originaltitel „Hysteria“, erzählte 2011 von der Erfindung des Vibrators durch einen britischen Mediziner im viktorianischen Zeitalter.

Heute kann sich jeder mit wenigen Klicks Technik nach Hause liefern lassen, die einen perfekten, maschinengemachten Orgasmus verspricht. Der technische Fortschritt begleitet uns bis in unser Schlafzimmer. Sexualität sei nicht mehr Schicksal, das zwischen Können und Wollen hin- und herschwankt, „sondern regelbares Geschehen in einer Sinnenwelt am Draht“, schreibt Georg Seeßlen.

Das Sortiment ist reichhaltig. Der Online-Versandhändler Amazon führt Handschuhe mit vibrierenden Sensoren an den Fingerspitzen. Schon 1995 wurde das Patent auf ein vibrierendes Kondom angemeldet. Auch das Klischee von der aufblasbaren Sexpuppe aus Plastik ist längst überholt. Neuere Modelle der künstlichen Sexualpartner reagieren auf Sprache, haben ein Gedächtnis. Autor Seeßlen schreibt vom Trend zur sozialen Maschine.

Auch die Biometrie hat das Potenzial, unser Intimleben aufzumischen. Bald könnte es Sexspielzeuge geben, die auf körperliche Reaktionen des Besitzers reagieren (zum Beispiel Herzschlag oder Temperatur) und ihre Funktionalität mit den Daten abstimmen.

Das Konzept der Teledildonics geht noch einen Schritt weiter: Um Sex zu haben, müssen zwei Menschen nicht einmal mehr am selben Ort sein. Der Partner stimuliert einfach ein Sexspielzeug, das er bei sich hat. Die Art der Stimulation wird per Sensor gemessen und an das verbundene Gerät des Anderen übertragen. Bei „LovePalz“ informiert eine App das Gegenüber, dass der Partner seinen Dildo oder seine künstliche Vagina gerade in Betrieb genommen hat. Einfacher geht’s nicht.

Warum beschäftigen sich Menschen überhaupt damit, ausgeklügelte Sexmaschinen und neue Implantate zur sexuellen Stimulation zu erfinden? Befürworter der Entwicklung würden wohl antworten: Die Maschinen sind dafür da, dass wir unsere wildesten Fantasien hemmungslos ausleben. Aber stimmt das? Die Technisierung kann auch dazu dienen, unseren Trieb zu kontrollieren und zu zähmen. Damit wäre dann genau das Gegenteil dessen erreicht, was die Entwickler eigentlich wollten.

Teil 2: Cyborgs als Geschöpfe des Post-Feminismus

„Ich wäre lieber Cyborg als Göttin.“ Donna Haraway, US-Wissenschaftlerin

Wer das Wort Cyborg hört, dem fällt vielleicht als erstes Arnold Schwarzenegger ein. Der Terminator, mit einem Skelett aus Stahl und einem Innenleben, für das kein Arzt, sondern ein Elektriker nötig ist. Metall und Muskeln.

Es sind aber auch ganz andere Assoziationen möglich. Die Amerikanerin Donna Haraway etwa sieht Cyborgs als „Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt“. Die Idee von einem Mischwesen aus Mensch und Maschine hat die Biologin und Gesellschaftstheoretikern zu ihrem postfeministisches „Manifesto for Cyborgs“(pdf) inspiriert. Geschraube und Gender.

Ihr Manifest, bereits 1985 in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, wird heute noch als wichtiger Bezugspunkt der feministischen Theorie zitiert. Cyborg sind für Haraway „kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion.“

Die US-Wissenschaftlerin Donna Haraway. Quelle: CC-BY-SA/2.0 /Jeanbaptisteparis;

Haraway wendet sich mit ihrem Manifest gegen die Ideologie des biologischen Determinismus, also die Vorstellung, dass jeder durch seine Gene vorbestimmt ist und dazu gezwungen ist, bestimmten Verhaltensmustern zu folgen. Sie überträgt die Idee eines künstlich konstruierten Menschen, eines Cyborgs, auf die Genderdebatte: Wenn auch Männer und Frauen aus einem bestimmten Baukastensatz zusammengebaut sind, kann man sie auch wieder auseinanderbauen. Vormals als unveränderbar angesehene Eigenschaften, vermeintlich angeborenen Wesensmerkmale, werden so zu einer Frage der Zusammensetzung.

Auch die Uneindeutigkeit des Cyborgs fasziniert Haraway. Der Cyborg ist nicht mehr ganz Mensch, aber auch keine Maschine, ein Zwischending, das sich nur schwer fassen und definieren lässt – und er passt schon gar nicht in Geschlechterklischees. Damit wird der (oder die) Cyborg zum Vorbild für die Aufhebung der Geschlechtergrenzen. „Die Metaphorik der Cyborgs kann uns einen Weg aus dem Labyrinth der Dualismen weisen, in dem wir uns unsere Körper und Werkzeuge erklärt haben“, schreibt die Amerikanerin.